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Erstbesteigung des Bietschhorns

Die Anfänge der Alpinistik im Lötschental


Die Ersteigungsgeschichte der Lötscher Berge hatte zwar 1840 begonnen, als der Engländer A. T. Malkin bei der Überquerung des Lötschenpasses wohl als erster Tourist das Hockenhorn erreichte, doch folgte hierauf eine Pause von beinahe 20 Jahren. Gegen deren Ende unternahmen die Lötschentaler selbst die Angriffe auf ihren"Hausberg": das Bietschhorn, damals im Volksmund noch Nesthorn genannt. Der Initiant war, wie auch bei zahlreichen anderen Erstbesteigungen im Alpengebiet, der Geistliche des jeweiligen Tales. Prior Felix Lehner in Kippel, selbst ein Lötscher, war mit seinem Neffen Ignaz Lehner bereits einmal zur Besteigung des Bietschhorns aufgebrochen, doch ohne Erfolg. Im Jahre 1858 engagierte der Prior die einheimischen Gämsjäger Johann (*1815) und Joseph (*1811) Siegen aus Ried und deren Vetter Joseph Ebener (*1808) aus Wiler für einen neuerlichen Versuch. Die Partie scheiterte am Nordgrat.

Doch nicht nur Einheimische interessierten sich für den Berg: Der Obmann des Alpine Club hatte inzwischen verkündet, das Bietschhorn müsse, könne und würde bestiegen werden, und hatte sogar einen feierlichen Eid abgelegt, dass er selber kommen und dies tun werde, wenn die Erstbesteigung im folgenden Jahr nicht glücken sollte. Eines der berühmtesten Mitglieder des Alpine Club sollte dem Obmann der Organisation die Reise ersparen: Leslie Stephen. Stephen (1832-1904), Mathematik- und Theologieprofessor in Oxford, Autor des alpinen Klassikers "The Playground of Europe", wird dank seiner Publikationen als erster Prophet des Bergsteigens und infolge seiner alpinistischen Leistungen als einer der grössten Pioniere des Goldenen Zeitalters heroisiert. Als er im August 1859 in Kippel weilte, drängte ihn Prior Lehner zu einer Besteigung des Bietschhorns und heuerte für die bevorstehende Tour die letztjährigen Begleiter an. Stephen hatte mit seinen Freunden die Besteigung des Blümlisalphorns geplant, doch da der heisse Sommer - so Stephen selbst - den Berg in eine Eissäule verwandelt hatte, sagten seine Gefährten ab. Stephen wandte sich dem Bietschhorn zu. Wir folgen seinem Originalbericht in der deutschen, hier gekürzten Fassung von Henry Hoek:
 


Die erste Besteigung des Bietschhorns


 " ... Wir verliessen Kippel um vier Uhr morgens, und stiegen langsam auf durch den Wald zur Zunge des Nestgletschers. Als wir den Bach unter dem Gletscher überschritten, kündete uns ein wildes Geschrei das Nahen der übrigen Führer. Eine seltsame Gesellschaft! Sie waren alle festlich angezogen: Frack und Zylinder! Oder wenigstens trugen sie solche Nachahmungen dieser Folterinstrumente der Zivilisation, wie sie im Lötschental üblich sind. Die schäbige Vornehmheit der Gesellschaft stand in einem merkwürdigen Gegensatz zur wilden Landschaft ringsum. Und mit unserem geistlichen Führer angetan mit Shorts und Schiffchenhut, sah es eher so aus, als gingen wir irgendwo zu einer Versammlung des 'Christlichen Vereins junger Männer', als dass wir unterwegs wären zur Besteigung eines neuen Berges. Das auffallendste Merkmal meiner Führer aber war sicherlich ihre unglaubliche Unterhaltungsgabe. Während der zehn oder zwölf Stunden, die wir zusammen verlebten, schienen sie ununterbrochen mit lauter Stimme zu reden, und zwar in unbekannten Zungen; nur gelegentlich wurde der wilde Strom von einem misstönenden deutschen Worte unterbrochen. Ich darf vielleicht gleich sagen, dass ich einen von ihnen, und zwar Johann Zügler, als guten Bergsteiger kennen lernte. Je weniger man um die anderen sagt, um so besser ...

Zunächst stiegen wir über rasige Hänge und kamen dann in felsiges Gelände und auf lange Schneeflecke. Dem armen alten Pfarrer und seinem Gefolgsmann machten sie schwer zu schaffen. Meine Führer aber steigerten sich in eine derart hitzige Konversation hinein, dass sie immer wieder absitzen mussten, um die Sache richtig auszutragen. Während dieser Pausen gingen dann jeweils kleine Fässchen mit Wein um. Diese Halte aber gaben dem Priester und seinem Knappen die Möglichkeit, uns gelegentlich einzuholen; dann beklagte sich der arme alte Herr meist über Krampf in den Beinen; auch sonst schien er nicht ganz glücklich zu sein. Ich sah mich gezwungen, diese Sitzungen auf ein Mindestrnass zusammenzuschneiden, denn die Zeit drängte. Zu meinem nicht geringen Ärger aber schienen die Führer dies einen sehr geeigneten Platz zu finden, um sich gegenseitig ihre Meinungen auseinander zu setzen. Sie sassen entschlossen ab, offenbar gewillt, sich einmal gründlich auszuschwatzen. Ich war um so ungeduldiger, weil das Wetter sich rasch verschlechterte.

Ich ging also allein weiter. Die paar ersten Absätze waren schwierig. Ich sah, dass der Pfarrer nachgekommen war und meine Führer Anstalten trafen, weiterzugehen. Gerade in diesem Augenblick lag meine eine Hand auf einer grossen, flachen Steinplatte. Als ich aber diesem Stein mein Körpergewicht anvertraute, löste er sich und sprang wie eine Wildkatze einige 30 Fuss durch die Luft. Er traf den armen Johann Zügler an der Seite und verschwand einem zweiten Sprung über den östlichen Felsabbruch. Johann schwankte und fiel um; doch glücklicherweise hatte ein Tornister, den er trug, den Schlag aufgefangen, und nur dieses Ausrüstungsstück war beschädigt. Der Vorfall erschreckte uns aber tüchtig und schien besonders auf die Einbildungskraft des armen alten Priesters zu wirken. Ich sah ihn und seinen Diener auf dieser Bergfahrt nicht mehr.

Inzwischen hatte mich der Rest der Gesellschaft eingeholt, und nun begann der gefährlichere Teil unserer Fahrt. Die Felsen, in denen wir jetzt kletterten, zogen steil aufwärts, manchmal als scharfe, ausgesprochene Grätchen, manchmal auch in breiteren Wänden, die Schneeflecke trugen. Verwittertes, loses Gestein, das bei jedem Schritte nachgab, bedeckte hier die ganze Bergflanke. Zügler begann Freude an der Sache zu finden, und wir rannten um die Wette so schnell als er - oder wenigstens ich - nur irgend konnte. Ich musste mich gehörig ausgeben, manchmal aufrecht gehend und manchmal auch mich anklamrnernd mit allem, was helfen mochte, mit Händen, Knien und Augenlidern. Die beiden anderen folgten uns heftig schwitzend, was ihren Redefluss eine Zeitlang eindämmte. Hinter uns flogen und knatterten die Steine die Felsen hinab, gelegentlich donnernde Lawinen, dann wieder einzelne Geschosse, die in unregelmässigen Sprüngen über den Schnee und das Eis zu Tal sausten. 'ist der Herr Pfarrer nicht irgendwo unter uns?' fragte ich schliesslich. Meine Begleiter hielten dies für sehr wahrscheinlich, waren aber der Ansicht, dass er sich wohl in Sicherheit bringen würde. Und sie benutzten die Gelegenheit, um mir klar zu machen, dass des Herrn Pfarrers Gebrechlichkeit im vorigen Jahre den Erfolg vereitelt hätte, und dass sein Diener in schwierigem Gelände überhaupt nichts tauge.

Inzwischen waren wir stetig vorangekommen, und um 11.15 Uhr standen wir wieder auf dem Grat. Ein langer Schneefirst zog gleichmässig steil von unserem Standpunkt zum Gipfel. Wir folgten dem Grate ohne ernstliche Schwierigkeiten, mussten einige Stufen hacken in der letzten Rinne, und dann konnte ich mich an einem der riesigen Gipfelblöcke um 12 Uhr 30 auf den Gipfel hissen.

Auszüge aus der Festschrift des Hotels Nest- und  Bietschhorn von Werner Bellwald

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